Universelles Einkommen

Philipp Van Parijs,

für die Einführung eines universellen Einkommens

= Grundeinkommen

Um unsere Sozialmodelle zu verbessern, ja um sie überhaupt zu retten, genügt es nicht, uns an das zu klammern, was wir haben. Sie müssen umgebaut werden, und zwar so, dass während des ganzen Lebens ein einfaches Hin- und Her ermöglicht wird zwischen Erwerbsarbeit, Ausbildung, und unbezahlten Tätigkeiten in und außerhalb der Familie.

Um diese Flexibilität zu erreichen, müsste die Zentrierung des ersten Studienabschnitts der Universitäten und Hochschulen auf junge Erwachsene reduziert werden, die Arbeitsgesetzgebung müsste reformiert werden, um freiwillige Teilzeit zu erleichtern, ein Urbanismus des Miteinander wäre zu fördern, um eine informelle Solidararität in den Bezirken und städtischen Bereichen zu erleichtern. Dazu müsste unter das gesamte System der Einkommensverteilung ein Sockel eingeschoben werden: ein bescheidenes Einkommen, das jedem und jeder ausbezahlt wird, ob beschäftigt oder arbeitslos, PensionistIn, StudentIn, Elternteil zuhause oder nichts von all dem.

Dieses Einkommen muss allgemein sein – Reichen wie Armen zukommen – um leichter ja sagen zu können zu Tätigkeiten, die nicht oder wenig bezahlt sind, aber die Mühe lohnen, insbesondere Ausbildungen und Anstellungen die vorerst wenig bringen, aber mit einem guten Anteil an Ausbildung verbunden sind.

Dieses Einkommen muss bedingungslos sein – freiwilligen wie unfreiwilligen Arbeitslosen zukommen – um leichter nein sagen zu können zu Arbeitsplätzen, die in sich uninteressant sind und wenig versprechen in Bezug auf Ausbildung oder Aufstiegsmöglichkeiten.

Entfaltung des Humankapitals

Ein solches Einkommen steht im Zentrum eines emanzipatorischen und aktiven Sozialstaats, einer Form, die auf intelligente Weise auf die Entfaltung des Humankapitals setzt, anstatt auf den Zwang zu einer nicht gewählten Arbeit.

Aber macht Bedingungslosigkeit das Grundeinkommen nicht fundamental ungerecht? Muss unsere gemeinsame Großzügigkeit nicht jenen vorbehalten bleiben, die arbeiten wollen, aber nicht können?

Sicher, solange wir Gerechtigkeit nur als Solidarität sehen, die jene Risiken abdeckt, denen jeder ausgesetzt ist. Aber Gerechtigkeit bedeutet viel grundsätzlicher, einen Teil der sehr ungleichen Gaben, die wir dem zufälligen Zusammenspiel unserer Talente, unserer familiären Abstammung, der Gegend oder dem Land in dem wir aufgewachsen sind, und vielen anderen Lebensumständen verdanken, gerecht zu verteilen.

Die Idee ist nicht neu, erfreut sich aber heute in Europa einer nie dagewesenen Popularität. Nachdem im Oktober vergangenen Jahres die erforderlichen 100.000 Unterschriften deponiert wurden, muss die Regierung der Schweiz in den kommenden zwei Jahren eine Volksabstimmung über den Vorschlag organisieren, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, das es der gesamten Bevölkerung ermöglichen soll, ein würdiges Leben zu führen und am öffentlichen Leben teilzuhaben.

Gleichzeitig gibt ein Europäisches Bürgerbegehren (basicincome2013.eu) Anlass zu einer sehr breiten Diskussion in den meisten Mitgliedsstaaten der Union. Dennoch eine radikale Idee? Zweifelsohne. Und dennoch absolut notwendig, um die Hoffnung auf ein Sozialmodell, das den Anforderungen von Gerechtigkeit und Effizienz besser entspricht, glaubwürdig zu vertreten.

 

Übersetzung von Lieselotte Wohlgenannt, KSÖ

ursprünglicher Text aus Le Monde

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