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Recht auf Einkommen

Ein Grundrecht in der Katholischen Soziallehre

„Herr Bischof, schauen sie sich die Männer hier an, die meisten sind Alleinverdiener mit Familie, mit sicherlich zwei oder drei Kindern. Und jetzt sagen sie mir bitte, wie ein gutes Leben mit einem Monatslohn von 1.300,- Euro brutto möglich ist, während die Aktionäre eine Ausschüttung jenseits des Jahreslohnes derselben Arbeiter bekommen?!“

von Karl Immervoll, KAB; erschienen in "Zeitzeichen" 4/21 der Zeitschrift der KAB

Im Herbst vor vielen Jahren besuchte ich gemeinsam mit dem Bischof einen Betrieb meiner Region. Wir wurden von der Geschäftsführung begrüßt, die Führung durch das Werk geschah durch den Arbeiterbetriebsratsobmann. Er erzählte von der Produktion, von den Arbeitsverhältnissen, was erreicht wurde und wo auch Probleme liegen, und von den gerade anstehenden, jedoch stockenden Kollektivvertragsverhandlungen, bei denen er selbst seine Branche vertritt. Der Bischof unterbrach ihn und meinte, man müsse auch die Seite des Unternehmens sehen, das ja überleben müsse um die Arbeitsplätze zu erhalten. Darauf der Betriebsrat: „Herr Bischof, schauen sie sich die Männer hier an, die meisten sind Alleinverdiener mit Familie, mit sicherlich zwei oder drei Kindern. Und jetzt sagen sie mir bitte, wie ein gutes Leben mit einem Monatslohn von 1.300,- Euro brutto möglich ist, während die Aktionäre eine Ausschüttung jenseits des Jahreslohnes derselben Arbeiter bekommen?!“ Der Bischof sagte während der ganzen Besichtigung kein Wort mehr, hörte nur mehr zu.

Familieneinkommen in der Bibel
Im Matthäusevangelium steht das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Wir kennen die Geschichte, in der ein Gutsbesitzer am frühen Morgen, in der dritten, sechsten, neunten und elften Stunde hinausgeht und Arbeiter für seinen Weinberg aufnimmt. Am Abend zahlt er allen den gleichen Lohn: Einen Denar! Den meisten unter uns erscheint das als höchst ungerecht, ist doch die Leistung zwischen denen, die am Morgen schon da waren und jenen, die nur eine Stunde gearbeitet hatten nicht vergleichbar. Stellen wir uns vor, einer unserer Betriebe in der Nachbarschaft würde dies umsetzen. Die Schreie nach Gerechtigkeit gingen durch alle Zeitungen.  Aber darum geht es in dieser Schriftstelle nicht: Der Gutsbesitzer will allen seinen Beschäftigten das Auskommen samt ihren Familien ermöglichen. Ein Denar ist jene Summe, die eine Familie zur damaligen Zeit für einen Tag zum Leben benötigte. In dieser Tradition steht die Soziallehre der Kirche. Schon die erste Enzyklika Rerum novarum von Leo XIII: (1891) verlangt, „dass der Familienvater den Kindern den Lebensunterhalt und alles Nötige verschaffe.“ Noch deutlicher wird Johannes Paul II. in Laborem exercens (1981): Er fordert wohl „das gerechte Entgelt für die geleistete Arbeit“, betont allerdings, „die gerechte Entlohnung eines Erwachsenen, der Verantwortung für eine Familie trägt, muss dafür ausreichen eine Familie zu gründen, angemessen zu unterhalten und für die Zukunft zu sichern.“ Das kann durch einen guten Lohn passieren oder durch staatliche Zahlungen. Gegenleistung gibt es dafür keine!

Grundeinkommen als Weg?

Die Pandemie hat uns gezeigt, wie fragil unser System ist: Mit dem ersten Lockdown standen viele Menschen ohne Unterstützung da: Reinigungsfrauen, Student:innen in Jobs, Künstler:innen, Gelegenheitsarbeiter:innen, … Und dann gab es diejenigen, die in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiteten: Mitarbeiter:innen in den Lebensmittelmärkten, Pflegekräfte, Betreuer:innen, Krankenhauspersonal, Pädagog:innen, Menschen im öffentlichen Dienst und viele andere. Sie alle haben unglaubliches geleistet, wurden beklatscht. Aber wurden sie der Leistung entsprechend bezahlt? Straft es nicht längst Lügen, wenn behauptet wird: Leistung muss sich lohnen? Was ist mit den vielen Menschen – vor allem Frauen – die die gesellschaftlich notwendige Arbeit machen, dafür aber nicht bezahlt werden? Auch die österreichischen Bischöfe machten sich im Pfingsthirtenbrief 2020 Sorgen um das Sozialfundament unseres Landes und fordern neue Formen der sozialen Sicherung. Und weiter: „Ob ein erwerbsunabhängiges Grundeinkommen ein sinnvoller Weg ist, muss diskutiert werden.“ In das gleiche Horn stößt Papst Franziskus in seiner Ansprache an die Volksbewegungen schon zuvor am Ostersonntag. Er meint, es kann nicht sein, dass jene, die am Rand der Gesellschaft leben, die die Lösungen der Marktwirtschaft nicht erreicht, die auch nicht ausreichend Hilfe und Schutz durch den Staat erhalten, warten sollen, „ob vom Tisch derer, die die wirtschaftliche Macht haben, vielleicht das eine oder andere Almosen zu ihnen hinabfällt.“ So kommt der Papst zu dem Schluss: „Vielleicht ist jetzt die richtige Zeit über ein universales Grundeinkommen nachzudenken, das die wichtigen und unersetzlichen Aufgaben anerkennt und würdigt, die sie erfüllen; ein Einkommen, das den ebenso menschlichen wie christlichen Leitsatz dauerhaft Wirklichkeit werden lassen kann.“

Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit

Damit ist der Punkt erreicht, an dem die Frage steht: Was heißt Arbeit? Im Sinne der sozialen Botschaft der Kirche ist damit nicht unbedingt Erwerbsarbeit gemeint. Menschliche Arbeit steht in Verbindung mit den Fähigkeiten jeder einzelnen Person. Diese zu entwickeln und in die Gesellschaft einzubringen wäre eine Möglichkeit der Beschreibung. Es hat dann etwas mit Schöpfung zu tun.

Im Anfang war das Wort (im griechischen Text: logos) und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. …. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. So beginnt das Johannesevangelium. Und es bezieht sich auf den ersten Schöpfungsbericht, ganz vorne im Buch Genesis. Gott sprach, es werde … und da steht im Hebräischen dabhar und meint so etwas wie die Einbeziehung aller Kreativität, sodass wir es besser übersetzen würden mit: die schöpferische Kraft. Der Schuster, der eine Vorstellung von einem Schuh hat, ihn entwirft, plant, das Leder auswählt und schließlich für jemanden herstellt, ist in seiner Arbeit erkennbar. Er betrachtet den Schuh als sein Werk. Es ist ein Einzelstück! Dahinter steckt schöpferische Energie. Wir sind in dem was wir schaffen erkennbar. Wo das Dasein um seiner selbst willen geliebt wird und wegen seiner eigenen Schönheit (statt des Zwecks), dort findet schöpfungsbezogene Spiritualität statt. dabhar braucht Raum, braucht Entfaltung und lässt sich nicht einsperren. Im Job ist das mitunter nicht möglich!

Arbeit als Segen

 … und Gott sah, dass es gut war…  heißt es weiter im Buch Genesis. Die schöpferische Kraft führt also zum Guten, wird zum Segen! Segen ist damit das Wort hinter dem Wort. Es hat auch mit Beziehung zu tun: Die segnend Person und die Segen Empfangende habe immer miteinander zu tun. Arbeit oder Schaffen oder Tätig sein bedeutet demnach etwas zutiefst Persönliches. Das Paar Schuhe das ich nicht für das Lager produziere, sondern für eine bestimmte Person, bedeutet Beziehung und ein Werden zum Guten - auch wenn es mitunter mit Mühen verbunden ist. Daher wurde das Grundeinkommensprojekt (von April 2017 bis Jahresende 2018) im Waldviertel „Sinnvoll Tätig Sein“ genannt. Die Teilnehmer:innen waren eingeladen sich zu fragen: Was möchte ich von Herzen gerne tun? Und es war erstaunlich was möglich wurde: Die Befreiung von Druck und der Zuspruch von Anerkennung ermöglichte neue Perspektiven, öffnet den Blick für eigene Bedürfnisse und des Umfeldes. Neue Tätigkeiten entstanden, im gemeinsamen Tun wurde Kreativität freigesetzt. 

Bedingungslos

Uns ist das Leben bedingungslos gegeben. Arbeit im obigen Sinne haben wir genug. Es braucht also kein Recht auf Arbeit. Es braucht das Recht auf Einkommen – bedingungslos. In der Sprache der Soziallehre: Einkommen gebührt aufgrund des Menschseins - und nicht der Leistung.  Es ist genug für alle da!

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